Dieser Fall eignet sich für die Auseinandersetzung mit moralischer Unsicherheit in der sozialberuflichen Praxis im Handlungsfeld der gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit in der ambulanten Assistenz für Menschen mit einer psychischen Erkrankung.
Fallbeschreibung:
Uwe, ein Mann mittleren Alters (ca. 40–50 Jahre), lebt seit vielen Jahren mit einer chronischen psychischen Erkrankung in einer eigenen Wohnung. Er nimmt unregelmäßig an vormittäglichen Gruppenangeboten in einer Begegnungsstätte für Menschen mit psychischen Erkrankungen teil. Nach einer kürzlich erfolgten stationären psychiatrischen Behandlung wird er im Rahmen der Eingliederungshilfe von dem Sozialarbeiter Moritz ambulant in seiner Wohnung unterstützt.
Beim ersten Hausbesuch berichtet Uwe, dass er stark unter Einsamkeit leide und sich sehr nach mehr sozialen Kontakten sehne. Er fühle sich isoliert, niemand besuche ihn, gemeinsame Aktivitäten fänden kaum statt. Beim Betreten der Wohnung nimmt Moritz einen intensiven, unangenehmen Geruch wahr, der bei ihm unter anderem Ekel auslöst. In der Küche steht schmutziges Geschirr, Fruchtfliegen sind deutlich sichtbar. Aus einem Wäschekorb mit feuchter Kleidung steigt ein modriger Geruch auf; auch das Badezimmer, insbesondere die Toilette, ist stark verschmutzt. Uwes äußeres Erscheinungsbild ist geprägt von ungepflegtem Haar, zudem riecht er stark nach Schweiß. Im Gespräch erlebt Moritz Uwe dennoch als offen, freundlich und zugewandt. Uwe wirkt interessiert am Kontakt, was bei Moritz spontan Sympathie hervorruft.
Fragestellung, durch die eine Beschäftigung mit dem Fall angeregt werden soll:
Angesichts der widersprüchlichen Eindrücke – zwischen Mitgefühl und starken aversiven Empfindungen – stellt sich Moritz die Frage, wie er professionell und ethisch angemessen mit der Situation umgehen soll.
Didaktische Eignung des Falles:
Dieser Fall eignet sich für die Auseinandersetzung mit moralischer Unsicherheit in der sozialberuflichen Praxis im Handlungsfeld der gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit in der ambulanten Assistenz für Menschen mit einer psychischen Erkrankung. Vorkenntnisse sind nicht zwingend, hilfreich wäre ein Grundlagenwissen vom bio-psycho-sozialen Gesundheitsmodell, um die in Frage stehenden Risiken einschätzen zu können.
Zielgruppen, die von diesem Unterricht profitieren können, sind Studierende Sozialer Arbeit (sowie Sozialarbeiter*innen), Studierende in der Pflege (sowie Pfleger*innen) und Medizinstudierende (sowie Ärzt*innen).
Es stellen sich durch den Fall Fragen des Umgangs mit starken moralischen Gefühlen (Ekel, Mitgefühl) angesichts beruflicher Verpflichtungen (insb. Fürsorge, Nichtschaden).
Mögliche Lernziele:
– Förderung der Wahrnehmung der ethischen Dimension des sozialberuflichen Handelns
– Förderung der Reflexion von moralischen Gefühlen (insb. Ekel, Mitgefühl, Wut) mit Blick auf ethische Anforderungen an das sozialberufliche Handeln
– Förderung der Urteilsfähigkeit mit Blick auf ethische Anforderungen an das sozialberufliche Handeln
–> Umgang mit ethischen Konflikten und fallbezogene Abwägung von Verpflichtungen und Argumenten
Varianten des Falls:
Moritz begleitet Uwe bereits seit vielen Jahren. In der Vergangenheit gab es bereits mehrere erfolglose Versuche mit auf diese Problemlagen spezialisierten Hilfsangeboten, um die Wohnsituation nachhaltig zu verbessern.
Hintergrund:
Realer Fall aus Ethik in der gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit
Zitiervorschlag:
Eine Fallbeschreibung von Michael Leupold / Quelle: Toolbox AG ethik learning / https://www.medizinethiklehre.de/fallbesprechung/uwes-wunsch-nach-mehr-zugehoerigkeit/ / Lizenz: CC BY-NC 4.0 (Creative Commons Lizenz Namensnennung-nicht kommerziell- 4.0- international, URL: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/legalcode.de)
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