Mittels einer Expert*innenbefragung in der Hochschule soll ein Themenfeld dialogisch aus der Perspektive von Expert*innen erkundet werden. Hierzu werden Expert*innen eingeladen, die ein Wissen im Rahmen einer Publikation und/oder eines Lehrvideos zur Verfügung stellen und bereit sind, Fragen von Studierenden zu beantworten. Durch das dialogische Setting soll hierdurch auch eine Kultur des Miteinander i.S. von Empathie, Wertschätzung sowie „aktiv zuhören können“ gestärkt werden. Die Studierenden nehmen hierbei zentral die Rolle von aktiv Zuhörenden ein, um ihr Wissen im direkten Dialog zu erweitern. Eine besondere Rolle spielt hierbei auch eine grundsätzliche Offenheit für alle denkbaren Fragen – die Expert*innen entscheiden letztlich immer selbst, auf welche Fragen sie antworten wollen bzw. können.
Ziele des Lernkonzeptes
Globale Lernziele:
- Sensibilisierung der Wahrnehmung für MoS in der sozialberuflichen Praxis
- Stärkung von sozialen und kommunikativen Fähigkeiten (Empathie, Wertschätzung, Aktives Zuhören)
Konkrete Lernziele:
- Studierende kennen verschiedene Definitionen von MoS und deren Folgen für die Wahrnehmung von MoS in der sozialberuflichen Praxis
- Studierende finden eine eigene Position zu MoS mittels einer Auseinandersetzung mit verschiedenen Auffassungen zu MoS
- Studierende wenden Elemente des „Aktiven Zuhörens“ in der Expert*innenbefragung an und können ein wertschätzendes Feedback geben
Kontext des Lehrkonzeptes
- Plenum + Kleingruppe
- Online, ggf. hybrid oder Präsenz
- Blended learning
Vorbereitung der Lehre
Für die Lernenden:
Befinden sich idealerweise in einer Praktikumsphase in einem Handlungsfeld der gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit (z.B. Kliniksozialdienst, Sozialpsychiatrie, Suchthilfe) und verfügen somit über Erfahrungen von sozialberuflicher Praxis
Für die Lehrenden:
- Konferenztool (Präferenz für Zoom, da hohe Nutzer*innenfreundlichkeit)
- Organisation von eingeladenen Expert*innen mit einer Publikation zu MoS (aus der klinischen Ethik mit Schnittstelle zur gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit); z.B. Dr. Katja Kühlmeyer mit unten angeführten Publikation
- Lehrbrief verfassen mit Informationen kompakt zu MoS (vgl. Lehrbrief von Leupold)
- Anleitung zur Methode Expert*innengespräch nach Leupold bereitstellen
Durchführung der Lehre
Erste Sitzung mit 2 UE / 90 Min.
In der Sitzung findet eine erste Sensibilisierung für MoS in der sozialberuflichen Praxis statt. Die Studierenden erhalten Informationen sowie Gelegenheit, ihre Praxiserfahrungen mittels dieser zu reflektieren.
Impuls des Lehrenden zu MoS im Plenum (ca. 30 Min.)
Die wesentlichen im Impuls des Lehrenden vermittelten Informationen zu MoS mit Fokus auf die enge und weite Definition von MoS werden den Lernenden in Form eines Lehrbriefes zum Nachlesen ausgehändigt (vgl. Lehrbrief Leupold).
Kleingruppenarbeit mit 4-6 Studierenden in Breakouträumen (ca. 30 Min.)
Den Lernenden wird folgender Auftrag für die Kleingruppenarbeit gegeben:
- Tauschen Sie sich über Fallsituationen aus dem Praktikum aus, welche aus Ihrer Sicht mit einer moralischen Herausforderung bezeichnet werden können, d. h., bei denen Unsicherheiten bestehen, welche Handlung moralisch richtig ist bzw. welche als die moralisch bestmögliche beurteilt werden könnte. Es könnte sich bspw. um Situationen handeln, bei denen es unklar erscheint, ob man im Sinne von ‚Fürsorglichkeit‘ oder von ‚Autonomie achten‘ handeln sollte. Und falls man sich für die Perspektive ‚Autonomie achten‘ verständigt haben sollte, Unsicherheiten auftreten, wie das nun konkret umzusetzen ist, wenn jemand etwa die Einnahme von Insulin bei vorhandenem Diabetes in einer Einrichtung der Sozialpsychiatrie ablehnt.
- Überlegen Sie zudem, wie oft aus Ihrer Sicht derartige Situationen auftreten (ggf. kann hier von den Lehrenden auch eine Skalierung vorgeschlagen werden), und
- wie in Ihrer Institution damit umgegangen wird.
Plenum (ca. 30 Min.)
- Methode Blitzlicht: Austausch der Eindrücke aus den Kleingruppen.
- Zum Abschluss vergewissert sich der Lehrende, ob jetzt auf der Basis der präsentierten engen und weiten Definition zu MoS eine Sensibilisierung der Wahrnehmung hierfür in der sozialberuflichen Praxis stattgefunden hat. Mit einem Ausblick auf die nächste Sitzung mit der Expert*in und das zugehörige Selbststudium endet die Seminareinheit.
Zweite Sitzung mit 4 UE /180 Min.
In dieser Seminareinheit sollen die erste Sensibilisierung der Wahrnehmung für MoS vertieft sowie vorhandene soziale und kommunikative Fähigkeiten gefördert werden. Im Fokus dieser Sitzung steht das Expert*inneninterview
Vorbereitung der Sitzung: (Lehrende, ca. 5 Min.)
Einrichtung von ausreichend vielen Breakouträumen, aufgeteilt in Räume für Studierende, die das Selbststudium umgesetzt haben (d.h. den Text und Lehrbrief gelesen, sowie Fragen zum Text formuliert), und für jene, die erst noch den Text lesen und eigene Fragen formulieren müssen.
Vorbereitung der Interviewzeit in der Kleingruppe mit 4-6 Studierenden in Breakouträumen (ca. 60 Min. inkl. Pause)
- Es werden Kleingruppen nach dem Stand der Vorbereitung der Lernenden gebildet, so dass alle in den Gruppen auf dem gleichen Informationsstand sind. Die Lernenden werden aufgeteilt in Kleingruppen in denen alle Teilnehmenden das Selbststudium absolviert, d.h. den Text gelesen und erste Fragen formuliert haben, sowie in Gruppen, in denen die Lernenden den Text noch nicht gelesen haben.
- In den Kleingruppen mit Vorbereitung werden die mitgebrachten Fragen von den Lernenden gemäß den Erwartungen sondiert, strukturiert und ggf. modifiziert (vgl. Ausführungen in der Anleitung Expert*innengespräch). Diese Kleingruppen sollten möglichst ein Coaching durch den Lehrenden erhalten, der durch die Kleingruppen durchrotiert und diese bei der Formulierung und Priorisierung von Fragen unterstützt.
- In den Kleingruppen ohne Vorbereitung muss zunächst Lesezeit festgelegt (max. 50% der vorhandenen Zeit) sowie im Anschluss entsprechend mit weniger Zeit die Fragen formuliert und sondiert werden. Abschließend werden die Fragen durch die Lernenden priorisiert und ggf. innerhalb der Gruppe verteilt. Hierfür kann der Lehrende aufgrund von Zeitgründen i.d.R. nicht unterstützend zur Verfügung stehen.
Interviewzeit im Plenum (max. 90 Min.)
- Der Lehrende begrüßt und stellt die eingeladene Expert*in kurz vor, eröffnet und moderiert im Anschluss die Befragung. Ggf. beginnt der Lehrende mit 1-2 Fragen an die Expert*in, z. B.: Wie ist die Expert*in zur Beschäftigung mit MoS gekommen?
- Studierende adressieren in der Rolle von aktiv Zuhörenden ihre Fragen an den Gast. Hierbei sind unbedingt der Verzicht auf eine „Schweigeminute“ zum Start sowie die angeführten Feedback-Regeln (vgl. Ausführungen in der Anleitung Expert*innengespräch) zu beachten.
Nachbereitungszeit in der Kleingruppe mit 4-6 Studierenden in Breakouträumen (10-15 Min.)
- Nach dem Expert*innengespräch sondieren die Kleingruppen die Erkenntnisse aus der Befragung i.S. einer Resonanzrunde.
- Folgende Fragen eröffnen die Resonanzrunde: Was löst die Expert*innenbefragung bei mir an Gedanken, Gefühlen und inneren Reaktionen aus? Was habe ich auf der Wissensebene, was auf der Gesprächsebene wahrgenommen? Wie zufrieden bin ich mit mir und der Expert*innenbefragung? (ggf. kann hier auch eine Skalierung seitens der Lehrenden vorgeschlagen werden) Welche Inhalte nehme ich für mich heute mit?
Nachbereitungszeit im Plenum (10-15 Min.)
Im Plenum berichten die Kleingruppen i.S. eines Blitzlichtes von ihren Eindrücken. Ggf. können hierfür Sprecher*innen von der Gruppe vorab bestimmt werden.
Ergänzende und weiterführende Informationen
Nach meiner Erfahrung fällt es Studierenden sehr schwer, Fragen so zu formulieren, wie das in der Anleitung zum Expert*innengespräch vorgegeben worden ist, sodass hier ein Fokus des Coachings in der Kleingruppe liegt. Zudem empfiehlt es sich, nochmals darauf hinzuweisen, dass Expert*innen im digitalen Format sich wohler fühlen, wenn möglichst viele Studierende ihre Videofunktion nutzen – das erhöht m. E. die Beteiligung.
Material zur Umsetzung des Lehrkonzepts
Hier finden Sie eine kurze Anleitung und hier einen Lehrbrief mit weiterführenden Informationen.
Zitiervorschlag:
Ein Lehrkonzept von Michael Leupold „Reflexion Moralischer Stress (MoS) in der sozialberuflichen Praxis mittels der Methode des Expert*innengespräches“ / Quelle: Toolbox AG ethik learning / https://www.medizinethiklehre.de/lehrkonzept/reflexion-moralischer-stress-mos-in-der-sozialberuflichen-praxis-mittels-der-methode-des-expertinnengespraches/ Lizenz: CC BY-NC 4.0 (Creative Commons Lizenz Namensnennung-nicht kommerziell- 4.0- international, URL: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/4.0/legalcode.de) Haftungsausschluss gemäß Abschnitt 5 der CC-Lizenz BY-NC 4.0
